Arbeitszimmer
Heute habe ich zum ersten Mal einen Stotternden Menschen therapiert. Während das in der Schule noch immer relativ belustigend gewirkt hatte, war das auf einmal ernst. Oder eben auch nicht. Mein Patient konnte mit seinem großen Wissensschatz und dem unwiderstehlichen Drang von diesem Gebrauch zu machen und mit mir zu teilen, den Eindruck einer gemütlichen Gesprächsrunde vermitteln. Es war ein lockerer Umgang und wenn ich ihn nicht ab und zu mal gebeten hätte, doch diese und jene Übung in sein Sprechen mit einzubauen, hätte man es schon fast nicht mehr als Therapie zählen können. Nächste Woche will ich dann ein Spiel für Kinder mit ihm spielen, wird bestimmt interessant. Anders dagegen sind die Patienten, zu denen man nach Hause fährt, weil sie selbst nicht mehr dazu in der Lage sind die Wohnung zu verlassen, fünfmal täglich die Pflege kommen muss, um sich zu lagern oder weil ihnen schlicht und ergreifend die Mittel dazu fehlen. An manchen Tagen hat man dankbare Patienten, heute bin ich mit dem Gefühl rausgegangen, dass irgendwas nicht gestimmt hat. Logopädie hat eben nicht nur etwas mit dem Sprechen zu tun, nein, sondern vor allem mit der Seele. Es kommt zum Teil gar nicht so sehr darauf an jede Übung geschafft zu haben, das Hinkommen ist meist viel wertvoller. Kinder hingegen sind dann wieder komplett umgedreht. Die kommen eben nicht zur Therapie, weil sie was mit Mutti vorhaben oder gerade in Zeiten von allerlei Ungeziefer im Kindergarten, seien es nun Bakterien, Viren oder Läuse einfach nicht in ihrer Gruppe sind, wenn man die Tür aufmacht und fragt: „Ist denn der Pascal da? Wir wollen jetzt Logotherapie mit dem machen.“ Zum Glück sind unsere Wege hier von Haustür zur Praxis und vom Türknopf bis zur nächsten Klingel mit fünf Minuten Lauf- oder zehn Minuten Fahrweg erschwinglich. Übrigens ist es das gleiche, wenn ich für meine Bastelarbeiten am Wochenende oder nach Feierabend Papier, Kleber oder einen Kopierer brauche: Lidl ist zu Fuß in weniger als vier Minuten zu erreichen und den nächsten Kopierer finde ich im Büro meiner Tante einen knappen Winterspaziergang vorbei nach unten in die Stadt. Fast wie zu Hause in meinem Zimmer also, nur dass ich für die gleiche Arbeit trotzdem genauso lange brauche. Dafür muss ich aber sagen, habe ich in den letzten Wochen bereits mehr Kärtchen und Spiele gebastelt, als in der Zeit meiner Ausbildung. Alles was ich jetzt schon mal gemacht habe, kann ich später wieder verwenden – hoffe ich zumindest. Es läuft, sozusagen. Irgendwie versuche ich mich da durchzufitzen und die Bemerkungen und Ideen meiner sage und schreibe vier Mentorinnen auszugreifen. Und dann sind da noch die Gespräche mit zu Hause, auf der Straße oder den faulen Katzen hier. Mein Kalender, den ich jeden Abend vor dem schlafen gehen umdrehe und manchmal auch Schokomüsli, wenn es gar nicht mehr geht. Ich bekomme das nämlich hin, oh ja! Groß kann ich so ganz bestimmt werden, das weiß ich schon. Danke.
Und trotzdem sitze ich jetzt hier und denke: Irgendwas war doch heute mit dem. Was könnte es nur gewesen sein?