Für sie

Pendeln, jeden Morgen viertel vor sechs aufstehen, die müden Glieder in Richtung Bad bewegen, einen Becher mit Kaffee füllen und dann geht es raus. Aus der noch recht verschlafenen Siedlung am Rande der Stadt geht es mit dem Bus hinein zum Hauptbahnhof, mit dem Regionalexpress komme ich innerhalb einer halben Stunde in der nächst größeren Stadt an. Eine Musik begleitet mich die ganze Fahrt, spielt in meinem Kopf, spiegelt genau das wieder, was ich gerade fühle. Ich sehe all das hektische Treiben, die gehetzten Menschen, Business statt Gefühle, jeder Zweite hat weiße Kabel an der Jacke, Kaffee-to-go-Preishits schaffen es auch mich dazu zu überreden und ich nehme noch einen Kaffee mit. Das ist der dritte an diesem Morgen. Ich sehe die Menschen um mich herum nicht an, ja nehme sie kaum war. Alles was ich will ist ankommen. So leben sie alle aneinander vorbei, miteinander, immer auf dem Sprung, mit einem Becher in der Hand, Musik im Ohr gegen die Einsamkeit und die nervige Fahrerei. Noch eine letzte Bahn muss ich erreichen, dann habe ich den Strecke hinter mir. Zwei Stunden sind seit dem Weckerklingeln vergangen, aber ich fühle mich immer noch genauso erschöpft, wie kurz nach dem Aufstehen. Festen Schrittes betrete ich das Klinikum, ziehe die Stecker aus den Ohren, entspanne meine Gesichtszüge. Jetzt geht es wieder zu den ganz Kleinen, eben jenen, die kaum auf der Welt schon so viel leisten müssen. Nur wenn sie stark sind und kämpfen, werden sie die Chance bekommen einmal auf den gleichen Wegen zu wandeln, wie wir es jeden Tag aufs neue vor ihnen tun. So winzig, zerbrechlich und doch perfekt. Jedes Mal wenn ich sie betrachte, denke ich wieder an ein Wunder. Denn das sind sie! Jede Müdigkeit ist verflogen, jeder verpasste Zug vergessen. Für sie stehe ich früh auf, jeden Morgen wieder.

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