Namenbingo
„Verraten Sie mir den Namen Ihres Kindes und ich errate das Störungsbild.“ - Sätze, die wir nur sagen, wenn unsere Patienten zur Tür raus sind und wir uns sicher sein können, dass sie uns nicht mehr hören. Nicht schon schlimm genug, kommen hin und wieder noch weitere Faktoren hinzu. In meinem heutigen Beispiel sind es die Eltern. Diagnose: Vater und Mutter haben in einer Werkstatt für Lernbehinderte gearbeitet.
Was in solchen Momenten in mir vorgeht, ist ein natürlicher Prozess. Ich kann die Gedanken nicht stoppen, genauso wenig, wie jemand diese beiden Menschen daran hindern konnte, ein Kind in diese Welt zu setzen. Dann frage ich mich, darf ich überhaupt so denken? Mache ich irgendetwas falsch, bin ich so geeignet für diesen Job?
Ich denke an das Kind, wie es aufwächst. Mit welcher Qualität, mit was für Defiziten. Sehe die Betreuerin, die zumindest zweimal in der Woche zu der alleinerziehenden Mutter kommt, wenn auch schon seit 1 ½ Jahren. Fühle, dass weder Mutter noch Betreuerin begreifen, worum es hier eigentlich geht und werde wütend. So verdammt sauer! Da sitzt sie da, diese sonderbare Person, die ihren Schein wahrscheinlich in der Zusatzqualifikationslotterie gewonnen hat und schüttelt mit dem Kopf und zuckt die Schultern. Sie könne sich das alles nicht erklären. Manchmal spreche das Mädchen eben einfach nicht mit ihr. Einfach wäre es bestimmt nicht. Bla bla bla. Traurig genug, dass der Intelligenzquotient des 5 Jahre alten Mädchens das seiner Mutter um Längen überragt, muss man dann von irgendeinem Amt auch noch eine derartig inkompetente Frau einstellen? NEIN! Bevor ich platze, fallen mir die Zeilen von F.R. ein, der sagt: „Ich bin sensibel und übermotiviert, solange niemand mit einem Joystick meine Gefühle kontrolliert. Wer auch immer du bist, Hauptsache du bist. Ich schütze meine Kerzen vor Leuchtreklame und Flutlicht!“ - wahrscheinlich hat er Recht und auch wenn ich mir manchmal an den Kopf greife, ein peinlich berührtes Lächeln über das Gesicht huscht und ich unbedingt das Fenster weit aufreißen muss, sobald die Familie draußen ist, werde ich immer solange alles tun, was ich kann. „Dann gehen wir mal in den Kindergarten. Damit wir was lernen.“, sagt die Mutter zum Abschied und ich habe Mitleid. Nicht mit dem Kind, sondern mit ihr.