Herz gegen Verstand

Eigentlich müsste ich jetzt meinen Therapieplan für einen Patienten aus dem Krankenhaus schreiben, aber ich bin mal wieder viel zu übermotiviert und kann nicht aufhören, allerlei Interessantes und überwiegend Nebensächliches rund um das Thema allgemein zu lesen.

Mein Nachmittag lag vor ein paar Stunden gänzlich allein für diese Arbeit bereit, mittlerweile habe ich ihn mit Telefonaten mit der Schule und Besuchen im Hier und Da ausgefüllt. Kaffee durfte natürlich nicht fehlen und wenn dann noch eine nette Klassenkameradin fragt: „Du, kannst du bitte noch mal...“ - dann sind auf einmal drei Stunden vergangen. Und dennoch, besser geht’s gar nicht. Ich brauche demnächst ganz sicher mal einen Workshop zum Thema Zeitmanagment, aber WANN ich den einlegen sollte, könnte ich gar nicht sagen. Also, super gelaufen das Gespräch am Telefon, Praktikum verlängert, Schule kann warten. Dass ich freiwillig eine Woche länger hier bleibe und auf meine Ferienzeit verzichte, wurde mit vielen Sätzen und ausgewählten Worten von der Schulleiterin unterstrichen. Bei so viel Lob durch den Hörer, habe ich viel eher das Gefühl etwas Gutes vollbracht zu haben, als etwas vor mir herzuschieben. So, habe ich jetzt alles gesagt, um mich endlich dem Eigentlich widmen zu können? Hm, vielleicht noch ein oder zwei Sätze zu gestern. Auch wenn ich manchmal noch zu schnell urteile und glaube an etwas festhalten zu müssen oder es gar wegzustoßen, dann kommt selbst bei mir zu weilen der Punkt an dem ich merke: Mensch (mit Schornstein), so schlimm (noch ein Schornstein) ist das doch gar nicht (jetzt nicht übergeneralisieren: ch ohne Schornstein). - Ich therapiere mich jetzt selbst. Was die Lehrer in 3 Jahren nicht geschafft haben, in dem sie immer wieder gesagt haben: „Also, Sie wissen schon, dass Sie ein Problem mit sch und ch haben?“ Und ich es nicht wusste, bin ich jetzt auf dem besten Wege sch und ch in den Transfer meiner Alltagssprache zu bringen. Ein bisschen muss ich dabei auch über mich selbst lachen. Na gut, eigentlich ziemlich sehr, auch wenn das wieder nur die Logos unter euch verstehen können. - Aber zurück zum Eigentlichen. Was ich sagen will: mit der Zeit, Gewöhnung und vor allem Übung, werden auf einmal alle Patienten interessant. Um so öfter man sie therapiert und immer neue Anregungen hat, was man als nächstes ausprobieren und machen kann, vermisse ich mittlerweile sogar fast schon die Stimmpatienten, die es hier in der Praxis nicht gibt. Alles zusammen ergibt einen abwechslungsreichen Alltag, lässt einen nicht festfahren und gibt einem die nötige Motivation. Einmal kurz draußen gewesen zwischen Praxis und Hausbesuch, schon geben einem die frische Luft und die Geräusche der Umgebung das Gefühl von Normalität. Bei unserem allwöchentlichen Besuch, beginnen wir mit einem Gespräch über das Erlebte aus der letzten Woche. Dass das schon Therapie sein kann, einfach mal zehn Minuten mit dem Patienten zu reden, muss erst wachsen. Es zählt gar nicht, Übung für Übung in einer dreiviertel Stunde abgearbeitet zu haben. Wenn man dem Patienten mit Ruhe und Zeit begegnet, werden sie einem beim nächsten Mal auch viel eher mit einem guten Gefühl begrüßen und nicht mit der Erwartungshaltung: Na, mal sehen mit was sie mich heute wieder alles jagen wird. In der Klinik würden wir jetzt von einer Etage in die nächste laufen. In die Küche, ins Schwesternzimmer, in den Fahrstuhl, ins Patientenzimmer, durch den Flur, in den Keller, in den Frühstücksraum. Gespräche mit den Patienten dienen hier mehr der Diagnostik und Anleitung an die nächste Aufgabe. Auf eine persönlichere Ebene, außer dem: "Kommen Sie doch heute Nachmittag zur Gruppentherapie!", schafft man es eher nicht. Irgendwie sind es einfach noch ein paar Ungereimtheiten in meinem Kopf. Ganz abgesehen von den Überzeugungen weiter unten, Götter sind wir ja noch lange nicht. Also belasse ich das abheben vielleicht doch lieben jenen, die sich dazu berufen fühlen und helfen den anderen, die zu mir kommen. Praxisfrequenz gegen Intensivtherapie, es bleibt weiter spannend.  
Jetzt werde ich mein Brötchen essen, dass heute morgen mein Stotterpatient beim Bäcker gekauft hat. Hat er super hinbekommen, da schmeckt das bestimmt gleich doppelt so gut. - Therapieplan, du wirst wohl Phantasie bleiben, aber eine gute, ich habs im Gespür.

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