machen...
Zu viel Wein und weinen am Abend haben noch niemandem am nächsten Tag gut aussehen lassen. Als ich am Morgen aus der großen Stadt raus aufs Land fahre, scheint die Sonne hell und lässt die Dunkelheit der Nacht verblassen. „Du brauchst nicht weinen.“, hatte er gemeint und mich dann noch fester an sich gedrückt. Irgendwie geht gerade alles zu schnell. Das bereits März ist erschreckt mich jeden Tag wieder aufs Neue.
Bei der ersten Patientin des Tages halte ich mich heute im Hintergrund. Während meine Mentorin ein Fotoalbum mit der Frau ansieht, die erst vor ein paar Wochen mitten aus dem Leben gerissen wurde und seitdem kaum spricht, wenn doch nur unverständlich und dann doch wieder vergessen hat, was sie sagen wollte. Auf Nachfragen benennt sie einige Gesichter, kann ein Alter angeben oder erinnert sich an den Ort, wo das Foto aufgenommen wurde. Ihr Mann sitzt ganz in der Nähe, schüttelt bei jedem zweiten Bild den Kopf und erklärt, was wirklich zu sehen ist. Dann beginnt sie mit einem Mal zu weinen. Stumm laufen ihr die Tränen über die Wangen, verlegen streicht die Logopädin über ihre Schulter und redet mit ruhiger Stimme weiter. So kann es nicht weitergehen. Die beiden müssen sich da durch kämpfen.
Eine Stunde später sind wir gerade auf dem Weg die heutigen Hausbesuche abzuarbeiten. Wir besteigen den Wagen, schnallen uns an, parken aus – rums: ein anderer Verkehrsteilnehmer hatte uns übersehen. Polizeiaufnahme, Unfalldokumentation für die Versicherung, Patientenausfälle und dann noch ein Anruf. Meine Mentorin ruft bei ihrem Freund an und erklärt den Vorgang. Ihre Augen verraten mir, dass es höchste Zeit ist für mich Mittag essen zu gehen. Noch mehr Tränen müssen es vielleicht heute doch nicht mehr sein. Mitfühlend winke ich ihr zum Abschied zu und denke, dass es viel schlimmeres gibt als meine Kleinigkeiten.
Ich höre ein Lied und fühle es schon fast wie einen Aufruf:
„Aufstehn,
weiß nich wo's lang geht, einfach mal
rausgehn,
einfach mal vorrausgehn,
einfach mal(2x)
Machen, machen, machen...
Arsch hoch!
ich hab' alle Pläne verworfen,
reden können wir morgen
E-einfach mal machen!
Ich fahr los. Neue Wege erforschen, Theorie is eben gestorben
E-einfach mal machen!
Wie weit
wird die Welle dich tragen und was hat die Welt zu erwarten
E-einfach mal machen!
Siehs ein!
Kein Moment länger warten denn ich muss am Ende des Tages
Einfach mal
rappen, keinerlei Grenzen, ich will von allem mehr bekommen, ich kaufe mir Tankstellen mit Sanifair-Coupons. Jede Regel wird umgeschrieben,
ein verschossener Elfer aus fünf Metern bringt das Siegtor zum Unentschieden.
Mein Leben will sich in die Straßenbahn setzen Richtung Uni aber ich hab den Masterplan gefressen.
Mein neues Album in ein ungerades Jahr zu setzen,
Ziel ins blaue hinein um ins schwarze zu treffen,
es geht los!
Aufstehn,
weiß nich wo's lang geht, einfach mal
rausgehn,
einfach mal vorrausgehn,
einfach mal(2x)
Machen, machen, machen...
so!“
- in der Theorie wie immer schon ganz gut. Und jetzt?
machen...