über leben lernen
Wenn wir reden bewegen sich Lippen, Zunge, Wangen und alle anderen Artikulationswerkzeuge wie automatisiert. Die ausströmende Luft, unser perfektionistisch arbeitender Kehlkopf mit all seinen Strukturen und das Gaumensegel, das darüber bestimmt, wie viel Luft in den Mund bzw. durch die Nase nach draußen gelangt wird von uns zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne darüber nachzudenken in Spreche verwandelt. Der Mensch ist schon ein Wunderwerk. Dafür verantwortlich, dass alles reibungslos seine Wege geht, sind eine Reihe Nerven (12, um es ganz genau zu sagen), die Reize aufnehmen, ins Gehirn weiterleiten und verarbeitet an den Ort des Körpers bringen, wo eine Reaktion erfolgen soll. Soweit ganz einfach. Schwieriger wird es, wenn etwas nicht nach Plan funktioniert, wenn es Abweichungen von der Norm gibt. Wenn beim sprechen plötzlich eine Gesichtshälfte zu zittern beginnt beispielsweise. Gerade eben noch haben wir uns nett unterhalten, sind irgendwie zum nächsten Thema übergegangen und dann habe ich das Falsche gesagt. Schon artet es in einem Streit aus, der auf ungleicher Ebene stattfindet. Schon aus medizinischer Sicht belasse ich es nach wenigen Sätzen dabei, meine echte Meinung zum Thema beizutragen in diesem Moment undenkbar. Ich beobachte den Stress, die Anstrengung und vor allem das Zittern. Dann sind da glasige Augen, es reicht endgültig. Hier ging es überhaupt nicht um das aktuelle Problem, das Ganze sitzt irgendwo viel tiefer. Jene, die wir mögen, verletzen wir manchmal mehr, indem wir die Wahrheit aussprechen, als wenn wir es länger hinnehmen. Weil wir nicht wollen, dass sie sich vor lauter Aufregung in den Hirninfarkt (= Schlaganfall) hineinsteigern. Es ist eine Entschuldigung, aber nur, weil ich wohl nichts ändern kann. Ich würde es wieder tun, genau das Gleiche, irgendjemand muss doch mal sagen, dass Leben tödlich ist, wenn man es getötet hat zu leben. Ich sage noch; "So kann man doch nicht leben." Die Antwort kommt promt: "Wenn ich das gelernt hätte, wovon du sprichst, wäre ich schon zwei Schritte weiter in meinem Leben." Es geht ums abschalten, einfach mal vergessen können. Sich ein Ziel zu setzen und etwas schönes damit zu verbinden. "Alltag ist Treibsand, es geht um so schnell, je stärker du trittst.", singt einer fast so ähnlich, dessen Namen ich gerade vergessen habe. Gewinnen ist nicht immer einfach, es fühlt sich nicht einmal gut an. Wahrscheinlich werden wir uns jetzt eine Weile nicht in die Augen gucken können und wenn doch, dann sehe ich die Krankheit. Wahrscheinlich bin ich deswegen nicht besser. Dabei soll doch jeder nur so gut er kann überleben lernen, übers Leben lernen und dabei nicht vergessen leben zu lernen!