Positive Psychologie
Heute so, morgen anders und
zwischendurch und mittendrin ändert sich eh alles noch dreimal.
Nicht unweit davon entfernt der Fakt: ich warte lieber mal ab, dann
löst sich das Problem mit der Entscheidung vielleicht doch von
selbst. Ich bin ein Papakind, aber nicht, weil ich immer gleich zu
Vati gehe, wenn es brennt (Mutti wird mindestens genauso oft
gefragt), nein, was ich meine ist etwas anderes: was diesen Punkt des
entscheidend betrifft, scheine ich gelegentlich meinem Herrn Papa
sehr zu gleichen. Angefangen hat das alles mit einer ominösen Email.
Wie immer, wenn man noch nicht weiß was passiert, wenn eine
unbekannte Nummer anruft, man montags zur Sneak ins Kino geht oder
einen Glückskeks öffnet, war ich also erst einmal überrascht,
welches Angebot mir dort gemacht wurde. Es ging um meinen
potentiellen Kurzzeitpatienten. Für alle, die noch nicht wissen, wer
das sein soll: Am Prüfungstag bekomme ich eine Stunde vor
Therapiebeginn die Akte eines mir bislang völlig unbekannten
Patienten. Meine Aufgabe während dieser Zeit ist es, einen Plan für
die Therapie zu schreiben, Ziele zu formulieren und sie erreichbar zu
gestalten. Das heißt, ich bereite alles darauf vor, dass ich mich am
Ende auch noch gut verteidigen kann, Selbstreflexion nennt sich der
dritte, nicht weniger wichtige Teil der Kurzzeitprüfung. Wurden die
zuvor angestrebten Inhalte umgesetzt? Mit welchem Ergebnis hat die
Durchführung stattgefunden, gibt es Verbesserungsmöglichkeiten und
welche Methoden wären außerdem noch geeignet für den Patienten?
Einmal die eigene Therapie in Frage stellen und selber erkennen, was
gut war und was nicht dort hingehört hätte. Klingt alles gerade
danach, als würde es einer Abschlussprüfung genügen und Wochen
vorher für Aufregung sorgen und so ist es auch. Natürlich versucht
jeder von uns vorher so viele Informationen wie möglich darüber zu
erhalten, was ihn am Prüfungstag erwarte könnte. Es könnte ein
Kind sein, dass einzelne Buchstaben nicht sprechen kann,
Wortschatzdefizite hat oder grammatikalische Unterstützung braucht.
Vielleicht ist es auch ein junger Erwachsener, der Stottert oder
Poltert oder jemand älteres, der nach einem Unfall oder einer
neurologischen Erkrankung Sprach-, Sprech- oder Schluckstörungen
zeigt. Was fehlt? Stimmstörungen, mein nicht Lieblingsgebiet in der
Logopädie. Zumindest verbinde ich damit keine schönen Erinnerungen
an die Therapien in der Schule selbst, die Praktika lassen sich
durchgehend davon ausschließen. Der Tag, an dem man dann auf Herz
und Nieren, Verstand und Gefühl, Kompetenz und Compliance… geprüft
werden soll, wird einem einen Tag zuvor per Mail mitgeteilt. Soviel
zu System. Jetzt zu den Administratoren: Für 44 Absolventen meines
Jahrgangs müssen Patienten und dazugehörige Termine gefunden
werden. Nicht alle 44 Schüler haben immer Zeit, manche haben bereits
andere feststehende Termine, sind nicht da oder wollen unbedingt in
dem und dem Zeitraum geprüft werden. Super Sache, wenn darauf
eingegangen wird, nur einer muss es koordinieren. Die vor Wochen
geloste Reihenfolge, nach der Prüfungspatienten verteilt werden und
zu einem späteren Zeitpunkt auch mündlich Prüfungen abgenommen
werden sollen, wird deswegen schon am ersten möglichen Prüfungstag,
nächsten Mittwoch, durchbrochen werden und (fast) jeder könnte am
Dienstagnachmittag nach der letzten schriftlichen Prüfung erfahren,
dass er am nächsten Tag dran ist. Knieschlottern und zähneklirren
und das bei durchschnittlichen 25°C bis zum Ende des praktischen
Prüfungszeitraums in 6 Wochen. Damit wäre der Termin, wie lange ich
dann nicht mehr ruhig schlafen kann, schon mal ganz knapp
umschrieben, komme ich jetzt zurück zu meiner moralisch
unmoralischen Email. Von ganz oben werde ich gefragt, ob ich mir ein
Patientenstörungsbild aus dem Topf der Überraschungsakten
herausnehmen lassen will. Da ist er, der Moment in dem ich sagen
könnte: Ja bitte alles, nur keine Stimme. Aber um ehrlich zu sein,
habe ich keine Sekunde daran gedacht. Nicht an dieses Bild und auch
kein anderes, meine Entscheidung stand fest: ich werde mich selbst
nicht einschränken. Fünf Minuten dachte ich noch darüber nach, wie
ich meine Antwort formulieren sollte und sagte dann doch was anderes.
Spontan, so wie es mir eben gerade in den Sinn kam. Kein einziges
„Hätte“ oder „Könnte“ hat noch einen Platz, neben all den
wirklich wichtigen Dingen, die zur Zeit in meinen Kopf müssen oder
schon da sind, weswegen ich mich mit dem zufrieden geben werde, was
mich beim Aufschlagen der Akte erwarten wird.
Keine Wahl getroffen und trotzdem
entschieden. Nichts ausgeschlossen, alles offen gelassen. Bloß
nichts falsch machen, lieber mal abwarten. Eine Eigenschaft, die
Nachwirkungen hat. Eine Art, die nicht von ungefähr kommt, sondern
wie beschrieben, auf Vorbilder zurückzuführen ist. Jetzt ein paar
Tage nach dieser Entscheidung, muss ich sagen, dass ich sie nicht
bereue. Sie war zwar schnell gefunden, aber genau richtig. Und das
wiederum lässt dann doch den weiblichen Part meiner Erziehung
durchblicken. Sich einmal bewusst für etwas ausgesprochen, wird auch
dabei geblieben. Als ich diesen Post begann zu schreiben, habe ich es
noch für eine Schwäche gehalten, doch jetzt weiß ich, dass es ein
guter Menschenzug ist. „Wenn du dich mal selber suchst, hör auf
dein Herz boom boom“, singt Clueso (Weil kein Post ohne Musikzitat
geht), aber ich mich durchs schreiben wieder einmal gefunden habe.
Ah und noch eins: „Ladenfläche zu
vermieten“ Wie wäre es denn mit Selbstständigkeit Fräulein C?
Wer die Wahl hat, hat die Qual und zum Glück nicht die Wahl der Qual, gut merken!