(Juli Wie) August Burns Red
Tractionstherapie, Dehnungen, Stabilisierung, Mobilisation, “Tut es hier weh?”-Fragen. Seit sechs Sitzungen das Gleiche und eigentlich ist doch alles in Ordnung. Zumindest sind die Schmerzen selten an einer anderen Stelle, außer dort, weswegen ich zu ihr gekommen bin. Aber sie weiß nicht mehr, was sie machen soll, sucht nach Alternativen, probiert alles. Um den brennenden Eiffelturm zu besänftigen haben wir immerhin schon herausgefunden, dass Wärme und Ultraschall nichts bringen, Eisstäbchen dagegen findet man in jedem Kühlfach und geben mir zumindest für eine kurze Zeit das Gefühl schmerzfrei zu sein. Wenn ich jetzt so gekühlt meine andere Hand auf die Narbe lege, ist es nicht das Wahrzeichen was brennt, sondern die Finger, die darauf liegen. Schon fast perfekt. Vor ein paar Tage habe ich festgestellt, dass die Narbe durchaus weiß sein kann. "Ist das nicht normal für eine Narbe?", wurde ich gefragt. Normal, ja. Aber das hier ist nicht normal. Es wäre einfach ständig zu sagen, wie sehr es mich belastet; etwas nicht zu tun, nur weil es mich einschränkt. Aber es ist noch viel anstrengender, wenn plötzlich jeder nachfragt, noch mal nachhakt, nicht glaubt, dass es geht. Dann tut es gut dem Raum voller Menschen zu entfliehen, mich in einer kleinen Kabine einzuschließen, Luft zu holen, nur fünf Minuten Freiheit im Kopf zu haben. Dann fange ich wieder an zu denken, zu grübeln, einmal mehr weglaufen zu wollen. Da hilft es auch nicht, dass die Zweimonatsgrenze gerade erreicht wurde. Mit etwas Abstand lassen sich manche Situationen als Nichtigkeiten abtun, mit der nötigen Reife, machen wir andere Erfahrungen. Sinnlose Rivalitäten, die keine von uns nötig hätte, hoffnungsvolle Gefühle, die ein Glück auf Raten versprechen, Misstrauen gegen sich selbst, wo Listen und Pläne versagt haben: Puff! Loslassen, Träume fassen, gehen, lachen, weiter machen, fast gepackt, gleich geschafft! Alles was kommt, alles was noch vor uns liegt, in diesem Sommer, in einem Jahr, ein Leben lang. Der Kaffee ist kalt, die Nervosität hat wieder blutige Wunden gefordert. Mir ist übel, aber egal. Für das größere Ziel, für den Endspurt, nur noch 9 Tage, nur noch 10 Fragen, mündlich, der Arm kann geschont werden und trotzdem: der Eiffelturm brennt rot.