Sterben alte Menschen (manchmal)?
Lange Zeit ist es still gewesen, doch
ruhig war es auf gar keinen Fall. Seitdem ich aufgehört habe mein
Leben festzuhalten, ist es mir mehrfach fast unter den Händen
weggeglitten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wenigstens
einmal lachen oder weinen möchte und manchmal sogar beides zugleich.
Diese Augenblicke machen mich nicht besser oder schlechter als jeden
Anderen unter uns, sie zeigen, wie erstaunlich wir sind, was wir
erreichen können, wo unsere Grenzen sind, was geschieht, wenn wir
darüber hinausgehen. Um den einzelnen großartigen Menschen gerecht
zu werden, die mir tagtäglich begegnen, bräuchte ich ein ganzes
Leben, also fange ich heute an!
Praxis Nr. 2, Monat 2, Woche 2: Von
jetzt an wird alles besser, denke ich und fahre am Montag Morgen in
die Praxis und suche alle nötigen Utensilien zusammen, die nicht eh
schon in meinem Kofferraum ein neues zu Hause gefunden haben. Fahre
los, therapiere meine erste verschlafene Patientin und lasse sie
feststellen: Die Sonne scheint, heute wird ein guter Tag! Das nächste
Ziel erreicht, erfahre ich, dass einer meiner Patientin noch im
Krankenhaus stationiert ist, aber zur nächsten Therapie wieder im
Altenpflegeheim sein wird. Beim verlassen der Station ruft eine
Schwester mir hinterher: Ach übrigens, der Patient hat jetzt MRSA,
Sie wissen ja, wie Sie sich schützen, oder? - Klar, denke ich,
Mundschutz, Handschuh, am besten Ganzkörperbekleidung und bloß
keinen Hautkontakt. Ein bisschen mumlig ist mir dabei, während der
Fahrstuhl in die nächste Etage fährt. Möchte ich überhaupt einen
Patienten mit dem multiresistenten Erreger, der sich über
Hautkontakt und Schleimhäute auf den eigenen Körper überträgt,
behandeln? Was ist mit den Menschen, die ich nach dieser Therapie
noch sehe, was ich mit denen, die außerhalb des Wartezimmers auch
noch eine Rolle in meinem Leben spielen? Sollte ich sie informieren,
welche Vorsichtsmaßnahmen sind wichtig? Nebenbei therapiere ich,
mein Hirn arbeitet parallel. Im darauffolgendem Zimmer wird mir klar:
Du kannst den Träger des Keims nur am Ende des Tages sehen, zum
Schutz für dich und deine Familie und Freunde. Währenddessen
beschäftige ich mich mit einer sehr alten, gebrechlichen Dame, die
einfach nicht aufwachen möchte. Weil sie sehr erschöpft zu sein
scheint, belasse ich es in diesem Moment bei meinen passiven Methode
und der Erkenntnis von vor einigen Minuten. Der Tag läuft weiter,
zwar noch lange keine Routine, aber ich sehe zwei Patienten, die ich
schon aus Praktikumszeiten kenne. Ich sehe, wie sie sich verändert
haben und erinnere mich an ein Gespräch vom Morgen. „Nach meinem
Schlaganfall saß ich manchmal stundenlang vor dem Fenster, ohne
etwas zu denken. Ich habe nach draußen gesehen, aber mein Kopf hat
sich nicht damit beschäftigt.“ Dieses Phänomen konnte ich auch
bei einigen Anderen schon beobachten. Daraus lässt sich
möglicherweise rückschließen, dass das Hirn nur dann arbeitet,
wenn es tatsächlich bereit dafür ist. Ich meine, solange es damit
beschäftigt ist, den Körper mit seinen Vitalfunktionen
aufrechtzuerhalten, hat es nicht genügend Buffer, um sich mit der
Aufnahme anderer Nebensächlichkeiten zu beschäftigen. Das hat mir
keiner erklärt, darauf hat uns keiner vorbereitet. Auch nicht
darauf, wenn Patientin plötzlich von ihren Angehörigen sprechen.
Wenn sie von ihren eigenen Kindern anfangen zu erzählen, die schon
lange nicht mehr kommen, die weit vor ihnen von Krankenbett zu
Krankenbett gezogen sind und die nicht mehr da sind. Dann stehe ich
neben meinem Patienten und kann kaum die richtigen Worte finden, weil
es eine heikle Situation ist. Weil in einem Mann, der außer zu
meckern manchmal kaum ein Wort übrig hat, ein sensibles Wesen
steckt, das ich zum lachen bringen möchte und werde. Erfolgreich
kehre ich am Abend in die zurück. Es steht Papierkram auf dem
Programm, als ich an einen Punkt ankomme, der mich stutzig macht. Ich
schreibe einen Arztbericht, um eine neue Verordnung für meine
schläfrige alte Lady zugeschickt zu bekommen. Es gibt eine Spalte,
in der die prognostische Einschätzung abgegeben werden soll und ich
frage mich, ob alte Menschen manchmal sterben, wenn sie müde sind.
Müde vom Augen öffnen, müde vom wach sein, müde vom Übungen
durchführen, müde vom Schlucken, müde vom Leben. Eine ganze Weile
sitze ich davor und überlege, die Spalte ganz frei zu lassen. Dann
schreibe ich doch etwas und muss gestehen, in dem Moment nicht daran
geglaubt zu haben, aber vielleicht war sie heute auch nur einmal mehr
müde von irgendwas. Mit etwas Glück, sehe ich in zwei Tagen wieder
in ihre leuchtend blauen Augen und dann ist alles vergessen.
Heute
war ein guter Tag.