life | Perspektivänderung

Manchmal passiert es einfach.

Da sind die Gerüche, die einen zum würgen bringen und doch von Menschen stammen. Gerüche, die alle ihren Ursprung haben und wenn sie nicht ihren Lauf nehmen, dann anderen Umständen entsprechen und durch pflegerische Maßnahmen beseitigt werden müssen.

Da passiert es einfach: Ekel!

Da sind die Geräusche, das Piepen und Pfeifen der Maschinen. Die Alarmsignale geben, die warnen sollen und wichtige Hinweise liefern.

Da passiert es einfach: Wahnsinn!

Da sind diese Menschen, die sich nicht äußern können, die durch Unfälle, langsam voranschreitende oder plötzlich eintretende Erkrankungen ans Bett gefesselt und auf Hilfe angewiesen sind. Sie alle haben eine Geschichte, haben Hintergründe, sind mit dem, was da gerade auf sie zukommt noch nie in Berührung gekommen und völlig überfordert. Sie begreifen nicht, manche weil sie nicht können und andere weil sie nicht wollen. Da gibt es die, die sich selbst ruiniert haben und andere, die es mit einem Mal trifft.

Da passiert es einfach: Vorurteil.

Da sind all die Schwestern und Pfleger, die täglich pflichtbewusst jedes Ventil und jeden Handgriff prüfen, die die Medikamente verabreichen und da sind, wenn die Ärzte nach der Fünfminütigen Visite wieder in ihren Zimmern verschwunden sind. Sie sind da und schnauben, kratzen und beißen. Auch sie müssen mal Dampf ablassen, was nicht selten in Form einer Raucherpause auf dem Balkon oder Pavillon führt. Sie kümmern sich und sind rege, sie sind mal hinterher und dann mal wieder zufrieden. Sie kennen einen Patienten manchmal überhaupt nicht oder wurden schlecht informiert. Sie geben einem fahrige Antworten, weil sie in einem Berg von Arbeit stecken oder weil Zimmer 34 heute schon das siebte Mal klingelt. Manche Patienten müssen fünfmal am Tag gedreht werden, brauchen zur Mobilisation ein Rutschbrett, brauchen Fütterhilfe und jede Menge Windeln. Andere beschweren sich über ihre Zimmernachbarn oder sind so mobil, dass sie immer gerade aus dem Zimmer raus sind, wenn man sie sucht.

Da passiert es einfach: Ärger!

Dann muss ich raus und versuche mich nicht von der schlechten Energie auf den einzelnen Stationen anstecken zu lassen. Insofern, kann man manchmal froh sein, keiner Abteilung angegliedert zu sein, sondern nach Konsil zu arbeiten und gehen zu können, wenn es nötig wird. So sitze ich auch gerade eben nicht im Büro ohne Licht, am Schreibtisch mit den ewig zugezogenen Lammellenvorhang, durch den selbst an besonders sonnigen Tagen kaum mehr Helligkeit durch den Lichthof zu uns nach ganz unten tritt. Mein Arbeitsplatz ist gerade der Glasanbau vom Krankenhaus, nur der Blick aus dem Restaurant wäre noch besser. Von hier kann ich die ganze Stadt mitsamt des Dächermeeres sehen, die vielen Parks und Grünanlagen. Ich erfasse in der Ferne aber auch die Hänge und Felder, die hinaus aufs Land führen, in Orte meiner Kindheit, die ich heute nur noch als Besucherin wahrnehme. Ich sehe aber auch gleichermaßen die Menschen, die als Besucher ins Krankenhaus aus all diesen verschlafenen Orten, den Straßen weit unter mir herkommen. Sie haben Erwartungen, Gefühle und jede Menge Fragen. Mit ihrem Besuch erhoffen sie sich, dass sie Antworten finden, dass sie Neues erfahren und dass irgendwie alles wieder gut wird. Von hier oben sehen sie alle gleich aus, denke ich auf den ersten Blick. Doch wenn man genauer hinsieht, erkennt man auch jene unter ihnen, die hoffen, lieben und beten. Manche winken, andere halten sich an den Händen. Sie sehen nicht das selbe, wie wir. Für sie zählt nur ihre Ehefrau, der Vater, die Mutter oder die Kinder, die Oma, der Onkel. Ob einem direkten Angehöriger oder Betreuer, ganz egal, wir sind es jedem einzelnen Patienten schuldig, zu helfen, zu pflegen und zu heilen. Perspektiven ändern sich nicht am Bettrand, aber indem man das große Ganze besieht, schafft man wieder etwas mehr Abstand. Obwohl der Himmel heute zugezogen über uns liegt, schaffen es die warmen Sonnenstrahlen dennoch mich zu berühren. Da reichen schon ein paar Minuten aus, um die Sicht zu verändern, damit man seinen Alltag wieder aufnehmen kann und jenen Kraft gibt, die selbst keine mehr haben. Ich glaube an meine Patienten, ihren eigenen Willen und werde sie nach Kräften zu unterstützen wissen.

Eure viele pathetische Worte zum Freitag findende

Juli

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