stroke | Aura

Blaue Augen schauen mich zwischen geschwungene Wimpern heraus an. Das oval rundlichen Gesicht mit seinen rosigen Lippen, die immer leicht geöffnet sind, kenne ich mittlerweile gut. Ein wenig fühle ich mich wie Meredith Grey, die sich auf den Boden neben ihre Freundin Christin Yang legt, als diese im Operationssaal nicht mehr praktizieren kann, wenn ich meine Patientin so von der Seite ansehe. Ihre Pupillen bewegen sich, wandern über mein Gesicht oder vielleicht auch darüber hinweg. Manchmal scheint sie zu kauen, räuspert sich oder hustet gar gelegentlich einmal. Wenn sie schluckt, dann ist es eine Seltenheit und nur reflektorisch. Dabei bleibt ihre Zunge hinter den unteren Schneidezähnen liegen und ihr Mund stets offen. Aus logopädischer Sicht ist das ein höchst ineffektives Schlucken, sie hat das Verbot Nahrung über den Mund zugeführt zu bekommen, non per os nennen wir das hier. Auf ärztlicher Seite hat eine medizinische Diagnoseliste so lang wie ein Blatt A4. Allem Voraus gegangen ist ein Verkehrsunfall im vergangenen Dezember. Auch wenn die Rettungskräfte nach einer Viertel Stunde bereits am Unfallort waren, so brauchten sie dennoch mehr als die dreifache Zeit, um die eingeklemmte Frau aus dem Wagen zu bergen. Ich besuche sie täglich zur Mittagszeit, verbringe eine halbe Stunde an ihrem Bett und versuche ihr das Gefühl zu geben, sie sei nicht allein. Meine therapeutische Arbeit ist relativ beschränkt und bei anderen Patienten würde es mich stören nicht mehr tun zu können, doch bei dieser Frau habe ich ein ganz anderes Gefühl. Ich fühle mich wohl in ihrer Nähe, sie strahlt eine ganz eigene Ruhe aus, die ich mit Wärme in Verbindungen bringen kann. Es ist wie eine besondere Kraft, die sie umgibt und von der sich etwas auf mich überträgt. Für die Zeit an ihrer Seite hat ein Kollege einen treffenden Ausdruck gefunden: Aura. Es gelingt mir mit Freude an sie heranzutreten und mit eben diesen Empfinden wieder zu gehen. Jeden Tag aufs Neue.  

Seit nun neun Monaten liegt sie da, Akutphase, Reha und nun wieder zurück auf der Intensivstation. Wenn die Ärzte es schaffen ihre akuten Leberentzündungen in den Griff zu bekommen, wird ihr Weg weiter auf eine Station gehen, auf der es auch den anderen Patienten so wie ihr geht. Dort, wo man zwar wach erscheint, aber aufgrund der massiven Großhirnschädigung die Rede vom apallischen Syndrom ist, dem Wachkoma. Auch wenn in ihr Bewusstsein nichts von meinen Besuchen ankommt, so hoffe ich doch sehr, dass diese schöne Frau weiterhin die bestmögliche Versorgung erhält. Meinen Anteil dazu leiste ich sehr gern, jeden Tag; fünf Tage die Woche.

In Gedanken bei meiner Patientin verabschiede ich mich für heute,

Juli

Beliebte Posts