stroke | MCA-rechts-Infarkt

Mein Kollege weiß etwas, dass er folgendermaßen beschreibt: Je nach Lokalisation des Infarktes ergeben sich nicht nur verschiedene logopädische Störungsbilder, nein, auch die Psyche erhält entweder einen Auftrieb oder einen Knacks. Linksseitig Betroffene bezeichnet er als solche, die nach ihrer Erkrankung in ein tiefes Loch fallen und teilweise sogar depressiv werden, die Patienten mit Schädigung auf der rechten Hemisphäre hingegen würden völlig übertrieben, nicht realisieren, was um sie herum geschieht lachen. Man könnte also von zwei komplett entgegengesetzten Fällen sprechen. Gut (?), dass der Mann von dem ich euch heute berichten will einen rechtsseitigen Schlaganfall im Mediastromgebiet erlitten hat, bevor er intubiert und beatmet wurde und nach wenigen Tagen stabil genug war, um ein zweites Leben zu beginnen.

Eine Woche lang habe ich täglich mit meinem Patienten darum gerungen, ob er sich die Nasensonde ohne Bedenken ziehen kann oder ob ihm wenige Stunden später doch eine neue gelegt werden muss, weil er es nicht schafft ohne Anzeichen auf Penetration und der damit einhergehenden Gefahr auf Aspiration zu schlucken. Einmal war die Sonde sogar gänzlich vom Erdboden verschwunden und einzig die Putzfrau, die zwischenzeitlich im Raum sauber gemacht hatte, kam als sinnvolle Erklärung in Frage. Er wurde von Tag zu Tag munterer und auch unser Training besser. Zum Freitag der vergangenen Woche, konnte ich dann ganz mutig an die Zimmerschwester übermitteln, dass das Essen freigegeben sei. Mit Dysphagiekost 2 und leicht angedickten Getränken. Diese besondere Kostform versteht sich als homogene Suppe süß oder herzhaft am Morgen und zur Mittagsmahlzeit ein Teller pürierter Förmchen. Unsere Küche hat es tatsächlich geschafft, für Fleisch, Gemüse und Kartoffeln die passenden Formen zu finden, wodurch die drei Teile auf dem Teller ihrem normalen Aussehen alle Ehre machen. Das kann man sich so vorstellen wie mit einem Dreijährigen in einem Sandspielkasten; der große Vorteil: es knirscht nicht zwischen den Zähnen. 
Die Kuriositäten in seinem Zimmer rissen auch nach dem Wochenende nicht ab. Nach dem Frühstück allein in seinem Zimmer zurückgeblieben und furchtbar gelangweilt, schnappte er sich einen Becher mit Andickungspulver und aß alles auf, so trocken und krümelig es auch war.
Das weiße Pulver besteht aus Maisstärke und ist amylaseresistent, weswegen wir es so gern bei neurologisch erkrankten Patienten benutzen. Für jene, die sich häufig verschlucken beim Trinken, ist das eine gute Möglichkeit, um die Getränke weniger schnell "wegfließen" zu lassen im Mund. Die Zeit, seine Getränke mit dem geschmacksneutralen Pulver zu versehen war vorbei und gerade weil sein Appetit wuchs und er immer sicherer wurde, konnte die Koststufe erweitert werden. Von nun an bekam er am Morgen und zum Abendessen neben einer kleinen Suppe auch Brot mit streichfähiger Auflage wie Wurst und Käse. 
Wenn man ihn fragt wo er ist, welchen Tag wir haben und was eigentlich passiert ist, kann man regelrecht seine Gedanken mitverfolgen. Er lacht an den unpassendsten Stellen, plappert gern, wie mein Sohn derzeit, jedes aufgeschnappte Wort nach, ohne das es irgendeine Bedeutung hätte. Mein Kollege und ich sind unterschiedlicher Überzeugung was für eine Schädigung besser ist. Die Form, in der man scheinbar für nichts empfänglich ist und trotzdem alles wunderbarer Sonnenschein? Oder die Ausprägung, in der die Patienten vielleicht zu sensibel sind und neben der neurologischen Störung sich zusätzlich nicht "trauen"; aus Angst etwas Falsches zu sagen, lieber den Mund gar nicht mehr öffnen. 
Am Ende der zweiten Woche meiner Betreuung dieses Patienten, kann er normale Kost zu sich nehmen. Er spricht noch etwas unverständlich, jemand der ein weniger gut geübtes Gehör hat, wird sich zurechtfinden müssen. Wir üben täglich, er versteht meist auch was ich von ihm will. 
Dann lacht er als erstes. Ich glaube, es geht ihm gut. 

Liebst eure Juli

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